Grabstein „Unser Bärbele“

Ilsfelder Nachrichten Nr. 49 vom  08.12.2022

 

An der Ostmauer des Alten Friedhofs ist ein kleiner Grabstein mit der Inschrift „Unser Bärbele“ eingemauert. Er erinnert an das Kind Barbara Geiger, das 1947 im Alter von zwei Jahren gestorben ist.

 

 

 

 

 

 

Grabstein „Unser Bärbele“ in der Ostmauer des Alten Friedhofs

 

Ein Bruder von Bärbele wohnt in der Nähe von Frankfurt. Er hat von den Aktivitäten des Heimatvereins zur Erfassung und Dokumentation der Kleindenkmale in Ilsfeld erfahren und dem Heimatverein weitere Informationen zu Bärbele und der Familie geschrieben sowie einige Aufnahmen geschickt. Wir danken ihm für die Hintergrundinformationen, die wir gerne zusammen mit den Fotos veröffentlichen.

 

Walter Conrad / M. Braun

 

Bärbel wurde am 3. Januar 1945 geboren, zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Michael, der bei der Geburt verstorben ist. Meine Mutter, Berta Geiger geborene Beck, wohnte bei ihren Eltern Albert und Berta Beck in der Dachgeschosswohnung des Hauses in der Hauptstraße, in dem unten der Laden der Familie Frick war, gegenüber liegt der Treppenaufgang hoch zum Friedhof (das Haus neben Häußermann's Ochsen). Vater Otto Geiger war zu der Zeit als Soldat in Frankreich.

   

 

 

 

 

 

Bärbele mit ihrer Mutter Marta Geiger

 

 

 

 

 

 

   Bärbele: Barbara Geiger

Bärbel wuchs also mit den Großeltern auf und war natürlich der Liebling von Großvater Albert, der offenbar auch völlig „vernarrt“ in das Kind war. Mein Großvater war Steinmetz, arbeitete mit an der Renovierung der Kilianskirche in Heilbronn und fertigte Grabsteine an. Er entwarf und gestaltete auch den Grabstein für Bärbele.

 

 

 

Der Großvater von Bärbele

Bärbele erkrankte und starb mit zwei Jahren an einer Lungenentzündung. Ihren Wunsch nach Milch konnten ihre Mutter und ihre Großeltern damals nicht erfüllen.

 

 

 

Ein Foto aus dieser Zeit zeigt das kleine Grab mit dem Stein. Ich vermute, dass nach Auflösung des Grabes der Stein in die Friedhofswand integriert wurde, um ihn zu erhalten. Uns Kinder – ich wurde 1954, mein Bruder Stefan 1956 geboren – nahm unsere Mutter nicht mit zu Bärbels Grab. Sie ging allein dort hin und wollte die Trauer mit sich ausmachen.

 

1950 zogen meine Eltern nach Tailfingen (heute Albstadt-Tailfingen), wo mein Vater Geschäftsführer der dortigen DAK wurde. Mein Vater starb 1971 mit 49 Jahren an einem Herzinfarkt. Meine Mutter wurde 91 Jahre alt und ist 2011 gestorben. Sie pflegte lange die Freundschaft mit Klassenkameradinnen in Ilsfeld.

 

Joachim Geiger


Der Most und die Mosterei in Ilsfeld

Ilsfelder Nachrichten Ausgaben Nr. 45 u. 46 vom 10.11. u. 17.11.22

 

Viele Streuobstwiesen bereichern das Schozachtal, im Frühjahr kann man sich an einer herrlichen Blütenlandschaft erfreuen und im Herbst an einer Apfel- und Birnenernte. In manchen Jahren gibt es Berge an Äpfeln, in anderen Jahren haben Frost oder Hagel und zukünftig vielleicht auch Trockenheit die Ernte stark reduziert.

 

Im Herbst heißt es dann all das Fallobst aufzuklauben und zur Mosterei zu bringen. Auch in Ilsfeld gab es bis in die 90er Jahre noch eine Mosterei. Viele Ilsfelder erinnern sich noch an die Mosterei und Brennerei von

Helmut Mezger in der Dammstraße. Im Herbst war dort Hochbetrieb. Helmut Mezger und seine Frau Gisela, seine Schwester Helene und sein Schwager waren oft bis spät in die Nacht damit beschäftigt, die angelieferten Äpfel zu raspeln und zu pressen. Viele Landwirte aber auch Privatleute, die ein Wiesle hatten, haben ihre Äpfel in Säcke gepackt und zur Dammstraße gefahren. Oft bildete sich eine lange Schlange und geduldig warte man, bis man an der Reihe war und seine Äpfel und Birnen in den Wasserbehälter schütten konnte.

 

 

 

 

Helmut Metger vor der Mosterei

War der Apfelsaft gepresst konnte man diesen mitnehmen oder

Helmut Mezger brachte den guten Saft mit seinem Traktor und seinem Mostfass den Leuten nach Hause und schlauchte ihn in die Mostfässer, damit er dort vergären konnte.

 

 

Helmut Mezger berichtet über seine Erfahrungen mit dem Most und erinnert an den Aufbau der Most- und Brennerei in der Dammstraße nach dem 2. Weltkrieg.

 

 

Der Moscht – Erinnerungen von Helmut Mezger

 

Er war in Baden-Württemberg das Nationalgetränke, schon lange vor dem Bier. Lassen Sie mich als Fachmann, Holz- und Weinküfer, etwas darüber erzählen aus meiner Zeit als Küfersohn und selbständiger Küfer. Mein Großvater und mein Vater waren beide ebenfalls selbständige Holz- und Weinküfer. Doch nun zum Most selbst.

 

Most war das Getränk der Landwirte und ihrer Knechte, der Handwerker, der Arbeitnehmer, also all derer, die im Sommer in der Hitze im Freien oder der Werkstatt oder engen Fabrikhallen schwitzen mußten.

 

Wenn er gut sein sollte, war er hergestellt aus Äpfeln und Birnen der Sorten Bittenfelder, Luiken, Bohnapfel, Bratbirne, Palmisbirnen. Diejenigen, die es rauh und bitter wollten, nahmen auch noch Grüne Jägerbirnen dazu. Der Most mußte dann von den Herstellungsmonaten August, September, Oktober bis zur gleichen Zeit des anderen Jahres reichen.

 

Vor der Jahrhundertwende bis 1945 gab es kleine Handpressen, die nach dem Raspeln oder Angerschenmühlenmahlen das Auspressen der zerkleinerten Maischen vornehmen mußten. Dies war alles Handarbeit und in dem Trester war deshalb auch noch sehr viel Saft enthalten. Deshalb preßte man das Preßgut oft zweimal, besonders bei den wertvollen Weintrauben. In Ilsfeld gab es viele solch kleiner Handpressen.

 

Ich weiß nicht, wieviel Wasser in den alten Zeiten die Menschen ihrem Apfel-Birnen-Saft zugesetzt haben. In meiner Berufszeit nahm man zu 30 Liter Obstsaft 20 Liter Wasser, 1 kg Zucker und ein Päckchen Reinzuchthefe. Dadurch war eine einwandfreie Gärung gewährleistet. Der vergorene Most hatte ungefähr 4,5 - 5 Vol. Prozent Alkohol. Ab dem Jahr 1959 gab niemand mehr Wasser zum Saft, sodaß sich jetzt auch der Most zum Schnaps-Brennen eignete, so wie alle anderen Obstarten auch.

 

Nun zum Problem des Pressens der Obst- und Traubenmaische. Im April 1945 sind die Amerikaner in Ilsfeld eingefahren. Wir hatten den Unrechtskrieg verloren. Bei uns hat eine Jabo-Bombe eingeschlagen und hat unsere Mosterei total zerstört, ebenso die Hydraulische Presse meines Großvaters. Meines Vaters Presse war noch zu reparieren. Die andere Küferei am Ort, K. Obenland, war total abgebrannt und der Besitzer in Rußland gefallen.

 

Der gnädige Gott ließ trotzdem eine gute Obst- und Weinernte heranreifen. Aber wer und wie sollte man sie verarbeiten? Der Platz in der Lindenstraße bei uns war zu klein, um für ganz Ilsfeld arbeiten zu können, An- und Abfahrt in der engen Linden- und Badbrunnenstraße unmöglich.

 

Bürgermeister und Gemeinderäte kamen zu meinem Vater und sagten, er solle etwas unternehmen. Von Ausschuß- und Vorstandsmitgliedern der Ilsfelder Genossenschaftsbank wurde ihm der Platz Dammstraße 36 neben der Trafostation angeboten. Dort war bis auf den meterhohen Sockel/Fundament alles total abgebrannt. Bedingung: eine Wiese mit Gleisanschluß für ihre Kohlelagerung mit bestehendem Fundament.

 

Man fand in A. Müller einen Tauschwilligen. Dieser bekam von meinem Vater einen Acker, Geld und zwei neue Fässer. Nun konnte Ende Mai 1945 das Bauen losgehen. Probleme waren die vielen abgebrannten Häuser und die wenigen Handwerker. Da half immer Bitten und schließlich brauchten ja alle eine Mosterei.

Unsere Presse wurde rasch repariert, aber wir benötigten mehr und auch größere Pressen.

 

Mein Vater fuhr also mit seinem Quickle nach Untertürkheim zur Firma Kleemann Pressenbau und verhandelte. Wir bekamen zwei Pressen und Obstmühlen zum Listenpreis. Aber nur dann, wenn wir bereit waren, ein sogenanntes Kompensationsgeschäft einzugehen. Die Firma begründete das damit, daß ihre Arbeitnehmer sonst keine Überstunden machen.

Das Tauschgeschäft sah so aus, dass wir den regulären Preis bezahlten zuzüglich 200 Liter Wein, 300 kg Mehl, 50 Liter Schnaps, 50 kg Schmalz und 30 kg Rauchfleisch. Das alles musste erst durch den Spediteur Eitler aus Schozach angeliefert werden, bevor sie begannen, an unserem Auftrag zu arbeiten.

 

 

 

 

 

Giesela Mezger an der

Presse

 

 

 

Helmut Mezger beim Pressvorgang

Zu dieser Zeit waren Schwarzmarktgeschäfte streng verboten. Deshalb mußte man zuerst eine Bittschrift vom Bürgermeisteramt haben, die von der Militärregierung in Heilbronn, Bismarckstraße, genehmigt sein mußte. Ich hatte eine Kusine aus Neckargartach, die perfekt Englisch sprechen konnte. Mit ihr (23 Jahre) zusammen fuhr ich (14 Jahre) mit dem Fahrrad zur Militärregierung nach Heilbronn. Wir bekamen nach zwei Stunden die Genehmigung für das Tauschgeschäft. Die Mosterei war fensterlos, doch die Pressen waren rechtzeitig da. Most und Wein konnten fließen!

Helmut Mezger vor der Mosterei in der Dammstrasse

 

Bei vielen älteren Ilsfeldern werden beim Lesen des Artikels wieder Erinnerungen an frühere Zeiten wach.

Daher einen  herzlichen Dank an Helmut Mezger für die Bereitschaft einen Artikel über den Most und seine Mosterei zu schreiben und an seine Tochter Rita Mezger für das Heraussuchen und zur Verfügungstellen der Bilder. 

 

M. Braun


Rückblick – Rundgang auf dem Alten Friedhof

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 47 vom 24.11.2022

 

Um die 20 Teilnehmer hatten sich eingefunden, um dem geschichtlichen und hoch interessanten Vortrag von Walter Conrad zu lauschen. Los ging es am Turm der Bartholomäuskirche. Auf der Südseite des Turmes läuft man oft achtlos an einem aus Stein gehauenen Löwenkopf vorbei.

Dieser dürfte um die 800 Jahre alt sein und diente früher dazu, das Wasser, das bei der Eucharistiefeier im Gottesdienst zum Reinigen der Geräte notwendig war, auf die Erde im Kirchhof abzuleiten. Wir befinden uns also noch in der Zeit vor der Reformation, als ganz Württemberg katholisch war.

                   Walter Conrad

 

Rechts neben dem Haupteingang befindet sich am Turm, etwas versteckt, die Grabplatte von Johannes Kantengießer. Er dürfte einer der letzten katholischen Pfarrer in Ilsfeld gewesen sein.

 

Auf seiner Grabplatte ist zu lesen: „Es starb der Bruder Johannes Kantengießer von Mergentheim vom Orden des hl. Johannes am Samstag nach dem Fest des (hl.) Medardus im Jahr 1520.“  Rund um die Kirche war zu dieser Zeit der Friedhof beheimatet. Doch auch Ilsfeld blieb nicht von der Pest verschont. Bereits im Jahre 1596 wütete eine Pestepidemie und etwa 30 Jahre später folgte eine zweite.

 

In den Pestjahren starben etwa sechsmal mehr Menschen als in den Jahren ohne Epidemie. Der Platz um die Kirche reichte nicht mehr aus, um die vielen Toten zu bestatten. So verlagerte man den Kirchhof vor die Dorfmauer und nannte ihn von da an den Friedhof, da er einen geschützten, eingefriedeten Bereich bildete (heute als Alter Friedhof bezeichnet). Bereits 1625 musste der Friedhof anlässlich der zweiten Pestepidemie erweitert werden.

Vor dem Haupteingang zum Alten Friedhof

 

Eine Steintafel am Haupteingang des Friedhofs erinnert an die Personen, die damals die Verantwortlichen im Dorf waren. Sowohl über die Personen als auch deren Ämter hatte Walter Conrad einiges zu erzählen.

 

Der Rundgang führte uns weiter an die östliche Mauer des Friedhofs. Hier befinden sich zwei Grabsteine früherer Ilsfelder Bürgermeister. Christian Fürchtegott Eberle, Bürgermeister von 1850-1892, seine Amtszeit war begleitet von teilweise bitterer Armut, was viele Ilsfelder dazu veranlasste auszuwandern. Auf ihn folgte Otto Theurer, Bürgermeister von 1892-1917. In seine Zeit fiel zum einen der Beginn des technischen Zeitalters, 1899 wurde Ilsfeld an die Bahnlinie Marbach nach Heilbronn angeschlossen, ab 1912 kam der elektrische Strom ins Dorf, zum anderen aber auch die Katastrophe des Großen Brandes 1904 und der Wiederaufbau des zerstörten Dorfes.

 

In der Mitte des Friedhofs befinden sich die Grabsteine von zwei weiteren Bürgermeistern, Hugo Heinrich, er leitete die Gemeinde von 1917-1947. Er hatte die Herausforderung, die Aus- und Nachwirkungen des 1. Weltkriegs zu bewerkstelligen, wie der Kampf mit der hohen Inflation und einer extrem hohen Arbeitslosigkeit. Auch durch die NS-Zeit führte Hugo Heinrich die Gemeinde mit Geschick. Auf ihn folgte Eugen Härle, von 1948-1974, dem die schwere Aufgabe zufiel, den Aufbau der Gemeinde nach dem 2. Weltkrieg voranzutreiben. Auch die Infrastruktur der Gemeinde, Bau des Freibades, das Kindergarten- und Schulwesen erlebten unter seiner Amtszeit großen Aufschwung.

 

Aber nicht nur über die Ilsfelder Bürgermeister gab es viel zu berichten, auch über Sitten Gebräuche früherer Zeiten. So wurden bis zum Bau der Leichenhalle im Jahr 1958 die Toten bis zur Beerdigung zu Hause aufgebahrt. Der Leichenzug wurde auf dem Weg zum Friedhof lange Zeit von einem Mädchenchor, es waren meist die Mädchen der 7./8. Klasse, begleitet. Im Jahr 1937 übernahm Eugen Rieker mit seinem Leichenwagen, der von 2 Pferden gezogen wurde, die Überführung auf den Friedhof.

Bei den Grabsteinen bekannter Persönlichkeiten

 

Den Abschluss bildeten die Grabsteine weiterer bekannter Ilsfelder Persönlichkeiten wie Otto Conrad, dem Heimatforscher, Wilhelm Brod, bei seiner Taufe übernahm König Wilhelm die Patenschaft, Gottlob Obenland, Abgeordneter im Landtag und Wilhelmine Kachel, die mit ihrer Tochter den ersten Kindergarten stiftete.

 

Ein herzliches Dankschön an Walter Conrad, der mit seinem umfangreichen Wissen und seiner begeisternden Art die Zuhörer fesselte. So erfuhren diese vieles über Ilsfelder Persönlichkeiten, frühere Begebenheiten und Gebräuche.

 

Manfred Braun


Einladung "Rundgang auf dem Alten Friedhof" am 06. November 2022


Ein Nachruf auf unser Altes Schulhaus in Auenstein

Ilsfelder Nachrichten in den Ausgaben Nr. 40 - 43 im Zeitraum  06.10.22 – 20.10.22

 

 

 

Das Alte Schulhaus

Viele unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern sich noch an ihre Schuljahre in diesem Schulhaus.

 

Alle, die nach dem Krieg eingeschult wurden, kennen die schmucklosen Räume, die alten Schulbänke und Tische, die nach einem Entwurf aus dem Jahre 1840 gefertigt wurden. Jeweils fünf Schüler nebeneinander hatten daran Platz.

Zeichnung Tisch und Bank von 1840                        

 

Als nach dem Krieg der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde,

waren 204 Schüler schulpflichtig, für die es  aber nur 124 Sitzplätze gab.

Es musste viel improvisiert und im Schichtbetrieb unterrichtet werden. Verschiedene Klassenstufen wurden zusammengefasst.

Die einen wurden mit stillen Aufgaben beschäftigt, die anderen übten mit der Lehrerin oder dem Lehrer die Rechenaufgaben oder lasen laut aus dem Lesebuch vor.

 

Große Freude war es in der Pause, wenn aus dem Pumpbrunnen vor der Schule eiskaltes Wasser auf unsere Hände und in unsere durstigen Münder floss.

 

Es herrschte in dieser Zeit nicht nur Mangel an Raum, sondern vor allem auch an Lehrerinnen und Lehrern. Bis Herr Schumacher 1947 seinen Dienst wieder in der Schule antreten konnte, unterrichteten Frau Friedrich und Frau Hahn allein die ganze Schülerschar.

 

Fräulein (so sagte man damals noch) Friedrich wohnte oben im Dachstock und schaute oft nachmittags aus dem kleinen Fenster, ob sie nicht irgendein Kind für einen Botengang einspannen könnte. Oft erwischte es mich, wenn ich, an der Schule vorbei, zu meiner Großmutter lief.

Klassenfoto

 

Der Abschied von dem alten Gebäude ist es wert, sich noch einmal mit seiner langen Geschichte zu befassen.

Das Staatsarchiv in Stuttgart verwahrt zwei umfangreiche Bündel mit Briefen, Verträgen und Dokumenten, die uns einen Einblick in die frühe Baugeschichte erlauben

 

Die erste Überraschung ist vielleicht, dass unsere Schule noch auf einem Teil des Fundaments von dem Haus stand, das vor über 400 Jahren das „neue“ Auensteiner Pfarrhaus war.

 

Die Geschichte beginnt schon 1582, als sich Pfarrer Cornelius Berre bei der jährlichen Visite des Dekans aus Marbach über eine sehr enge Pfarrbehausung beschwert. Er sagt: „dass er auch nicht mal einen Gast beherbergen könnte. Es wäre doch angemessen, wenn man mit dem Haus auf die Kirchenmauer hinauß gehe“.

Er ersucht flehentlich, dass das Pfarrhaus erweitert werde, bittet auch untertänig um Fürbitte der Synode beim Herzog.

Daraufhin lässt man Pfarrer Berre wissen, dass seine Klage in gebührender Zeit beim Herzog in Stuttgart angebracht werde.

 

Als sieben Jahre später Pfarrer Jacobus Eckardt sein Pfarramt in Auenstein antritt, wird es endgültig zu eng im Haus für die Pfarrfamilie mit den acht Kindern.

Da kommt es nicht ungelegen, dass 1592 Elias Weidner, Bürger in Auenstein, sich untertänig mit einem Schreiben an den Landesfürsten Herzog Ludwig in Stuttgart wendet.

Er bietet sein Haus „tauschweiß“ gegen die alte Pfarrbehausung an und schreibt:

„Mein gewesener Vorfahr Mardin Jung, Einwohner von Auenstein, hat bei seinen Lebzeiten alda zu Auenstein von neuem ein Behausung samt einem Keller, Scheuren, Hofraiten und Stallungen allernächst bei der Kirchen erbaut, mit welchem Bau er sich, bis er denselben vollendet, in viel Schulden gedreht.“

Das Haus liegt  „Im Langen Weg, zwischen Lienhardt Bartenbachs Hofraiten und Scheuer, Kilian Klingen Behaußung einer-, und anderseits Alt Simon Kriechen Behaußung, Hofraiten und Scheune……. Vorne gegen die Kirche, auf die Gemein Straßen….“

 

Dem Herzog in Stuttgart und der Geistlichen Verwaltung in Beilstein und Marbach fällt es nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Der Herzog fördert zwar den Bau von Brücken und Eisenhütten, auch die Kultur, doch für ein Pfarrhaus auf dem Dorf ist das Geld knapp.

 

Schließlich wird sogar Georg Beer, ein renommierter Architekt und Baumeister aus Stuttgart, beauftragt, das alte Pfarrhaus anzusehen und zu untersuchen, ob es nicht doch noch auszubessern sei. Doch auch er kommt zu dem Schluss, dass alles Holz schon wurmstichig, schadhaft und verfault, kurzum das ganze bisherige Pfarrhaus baufällig sei.

 

Nach langen Verhandlungen wird man sich darüber einig, das Haus für 1.300 Gulden dem Elias Weidner abzukaufen. Dass noch Lasten auf dem Grundstück stehen, wird übersehen. Es melden sich Gläubiger, unter anderen die Commenthur des Johanniter-Ordens. Die fordert einen jährlichen Zins von:

 „zwei Gänß, eine Fastnachtshenna und zwei Sommerhiener“.

 

Anhand der Visitations-Protokolle können wir sehr genau verfolgen, wie es mit dem gekauften Pfarrhaus im Laufe der nächsten 50 Jahre weiterging:

 

1654: Das Pfarrhaus ist ebenmäßig, hat nirgend keinen Laden, fällt der         Regen allenthalben hinein und seyen die Böden nit belegt.

 

1659: Das Pfarrhaus ist schlecht repariert.

Mal drückt der Dekan ein Auge zu und bescheinigt, dass das Pfarrhaus

zu bewohnen ist. In anderen Jahren wird das Haus als repariert,  alt und schlecht – aber noch brauchbar, bezeichnet.

 

1742 vermerkt der Dekan „Pfarrhaus hätt das Bauen nötig“ doch die Verwaltung in Beilstein hat dafür kein Geld.

 

1743 heißt es: . „….das Pfarrhaus wird vom Fundament auf, diese Stunde neu gebauet.“

Es wird ein sehr bescheidenes Gebäude, notdürftig ausgestattet und noch 20 Jahre später heißt es: „die Böden sind nicht belegt und die Wände nicht verputzt“.

Jahrzehntelang wird das Pfarrhaus repariert und erneuert, doch eine standesgemäße Wohnung für den Pfarrer ist es schon lange nicht mehr.

 

Zudem drückt die Gemeinde Auenstein ein anderer Schuh. Die alte Dorfschule ist sehr alt, baufällig und zu klein für die wachsende Zahl der Kinder. Die Schule liegt „außen im Dorf am Tiefenweg und Lammwirth Wittich“.

 

1839 schlägt deshalb die Gemeinde Auenstein der Geistlichen Verwaltung vor, ihr das Pfarrhaus zum Preis von 4.000 Gulden abzukaufen, um es künftig als Schulhaus zu nutzen.

 

1840 wird der Kauf besiegelt. Der Kapitalist Friedrich Deeg aus Ilsfeld leiht der Gemeinde die Kaufsumme von 4.000 Gulden zu 4% Zins und die Gemeinde muss für Erweiterungen und Umbau als Schule noch einmal einen tüchtigen Batzen drauflegen...

 

Das neue Pfarrhaus wird von der Königl. Finanzkammer für

5.400 Gulden erworben und Pfarrer Johann Gaiser darf sich über eine standesgemäßere Unterkunft freuen. Er zieht in das 1780 erbaute Haus, das bis heute noch als Pfarrhaus dient. Auch hier lässt der bauliche Zustand zu wünschen übrig. Die Königliche Finanzkammer mahnt vorsorglich an: „Verbesserungen an dem neuen Pfarrhause auf das wahrhaft Notwendige zu beschränken“.

 

Vorbesitzer des Hauses war die Familie eines Gaisberg’schen Amtmanns in Helfenberg namens Zech, weshalb es im Dorf auch das „Zech’sche Haus“ genannt wurde. Die Familie zieht weg und neuer Besitzer wird Louis Kreh, der Kronenwirt in Auenstein. Er verschuldet sich hoch mit dem Kauf des Hauses und muss es wieder mit Verlust, wie er betont, verkaufen. Er stirbt noch während der Verhandlungen, sodass seine Witwe in zähen Auseinandersetzungen um Nebengebäude, Schuppen und Zufahrtswege den Verkauf abschließen muss.

 

Die bisherige Schule aber, nebst dem unter dem Haus bestehenden Commun-Keller, gehen an Lammwirth Wittich für 775 Gulden.

 

Drei Häuser wechselten also in den Jahren 1840/41 ihre Besitzer:

            Das Pfarrhaus kauft die Gemeinde als Schule

            Die alte Schule geht über in den Besitz von Lammwirth Wittich,

            Das Zech’sche Haus kauft die Königl. Finanzkammer in Stuttgart .

            als neues Pfarrhaus.

Neues Schulhaus

 

1958 bekommt Auenstein ein neues Schulhaus. Freudig ziehen Lehrer und Schüler aus dem alten Gebäude aus, das schon längst nicht mehr für den Schulbetrieb geeignet ist.

Das ausgediente Schulhaus wird in private Hände verkauft und bis zuletzt als Unterkunft für verschiedene Familien genutzt.

 

2022, beim Abbruch des Hauses, zeugen alte Mauern, Kellergewölbe und die morschen, immer wieder reparierten Dachbalken von der wechselvollen Geschichte des Hauses. Es war nichts Erhaltenswertes darunter, bis vielleicht auf eine Tür im Keller, in die mit spitzem Gerät eingeritzt war, wieviel „Liter oder Fässle“ Auensteiner Trollinger im Weinkeller einst lagerten.

 

Astrid Schulz


Ferienrätsel für Jung und Alt  2022

Das Lösungswort unseres diesjährigen Ferienrätsels lautete „Hühnlesäcker“.

Bei unserem diesjährigen Lösungswort handelt es sich um ein Baugebiet am Ortsrand von Auenstein in Richtung Helfenberg. Astrid Schulz hat nachgeforscht woher der Namen stammen könnte und hat dabei interessante Hintergrundinformationen zusammengetragen.

Als „Hühnlesäcker“ wird das Gewann des neuen Baugebiets schon in alten Flurkarten bezeichnet.

Hühnerhaltung war nicht nur zur eigenen Ernährung sehr wichtig. Hühner wurden auf dem Markt in Heilbronn verkauft und brachten ein wenig Geld in die Haushaltskasse. 

Auch als Teil des Zinses in Kaufverträgen wurde manchmal die Abgabe von Korn, Wein oder eben Hühnern vereinbart. So forderte die Commenthur des Johanniter-Ordens in einem Vertrag von einem Auensteiner Bürger jährlich

„ zwei Gänß, eine Fastnachtshenna und zwei Sommerhiener“.

 

Weil der Platz zur Hühnerhaltung im Dorf aber meist sehr begrenzt war, wichen die Bürger auf naheliegende Äcker und Wiesen aus, eben die „Hühnlesäcker“.

 

Am 05.09.2022 fand die Auslosung der Gewinner unseres diesjährigen Ferienrätsels statt. Wir erhielten 21 richtige Einsendungen. Die Gewinner/innen wurden per Los ermittelt, die Aufgabe der Glücksfee übernahm Frau Frau Nolle von der Gemeinde Ilsfeld, Abteilung Kindergartenarbeit. Sie hatte sich kurzfristig dazu bereiterklärt die Ziehung, als neutrale Person, zu übernehmen.

Es gab folgende Preise zu gewinnen:

1 . Preis das Buch:  „Was Kleindenkmale aus dem Landkreis Heilbronn erzählen“

2. Preis das Buch:   „Vom Bartholomäusmarkt zum Holzmarkt, mit Kirchweihe und Krämermarkt in    Ilsfeld

3. Preis das Buch:  „ Zeitreise Heilbronner Land“

4.-10.  Preis, je einen Gutschein im Wert von 15,00 € von der Gärtnerei Michelfelder, Wüstenhausen

Die Gewinner/innen der ersten 3. Preise sind:

1. Preis: Christa Fahrner

2. Preis: Hanna Lang

3. Preis: Verena Lurwig-Winter

Herzlichen Glückwunsch.

Der Heimatverein bedankt sich nochmals bei allen die am Ferienrätsel teilgenommen haben.

Die Vorstandschaft

 

Hier nun die Auflösung der Fragen

Frage Nr. 1

Links vom Haupteingang des Alten Friedhofs sind eine Gedenktafel und zwei Grabplatten eingemauert. Die Gedenktafel erinnert an die Friedhofserweiterung im Jahr 1625. Sie enthält die Namen der Männer, die damals in Ilsfeld Verantwortung trugen. Wie hieß der Schultheiß?

Richtige Lösung:

V   Philips Rabus           ( H )

Frage Nr. 2

 

Neben der Tiefenbachhalle in Auenstein entstand vor einigen Jahren die

Volksbank-Arena auch Mc Arena genannt.

Welchem Zweck dient sie?

 Richtige Lösung:

V Freilufthalle des SSV-Auenstein, zu buchen auch für private Veranstaltungen  ( Ü )

 

Frage Nr. 3

Über dem Eingang zum Keller des Weinguts Graf von Bentzel-Sturmfeder in Schozach befindet sich ein keilförmiger Stein mit der Jahreszahl 1711 und einem Symbol.

Was ist abgebildet?

 

Richtige Lösung:

 

V Das Wappen der Sturmfeder,

     zwei abgekehrte Streitbeile   ( H )

 

Frage Nr. 4

 

Der Abstetterhof war ein ehemaliges Hofgut, das1345 den Herren von Wunnenstein verliehen wurde. Dadurch gehörte es noch lange Zeit zu dem unterhalb des Wunnensteins gelegenen Ort Winzerhausen. Jahrhunderte später drängten die Bürger vom Abstetterhof darauf, nach Auenstein eingemeindet zu werden.

 

In welchem Jahr wurde der Zusammenschluss besiegelt?

 

Richtige Lösung:

V 1935       ( N )

Frage Nr. 5

 

An der Brunnensäule des Linsenbrunnens erinnert ein Motiv an den Bartholomäusmarkt, aus dem der Holzmarkt hervorgegangen ist. Wie lautet die Inschrift?

 

Richtige Lösung:

 

V     Bartholomäusmarkt – Anno 1521 – ist von altheralso gehalten         ( L )

Frage Nr. 6

 

Der Landturm bei Wüstenhausen gehörte als Zollstation zum Landgraben, der von etwa 1500 bis 1800 ein Teil der Nordgrenze Württembergs bildete. Eine Tafel am Landturm erläutert die Geschichte. Wo begann der Landgraben und wo endete er?

Der Landgraben führte

 

Richtige Lösung:

 

V   vom Heuchelberg (bei Leingarten) bis Gronau         ( E )

 

 

Frage Nr. 7

 

Ein Auensteiner Wappenstein vormals an der Alten Kelter verankert, heute an der Westseite der Volksbank angebracht, zeigt im rechten unteren Viertel zwei Fische.

Worauf deuten die Fische hin?

 

Richtige Lösung:

 

V  Dass Mömpelgard/Montbéliard seit 1397 zu  Württemberg gehörte        ( S )

Frage Nr. 8

 

Auf der Ilsfelder Markung findet man einige steinerne Ruhestätten. Sie dienten den Bauern zum Abstellen der schweren Lasten, z.B. mit Obst gefüllte Körbe, die sie auf die Märkte in die umliegenden Orten schleppten. Wo befindet sich die abgebildete Ruhestätte?

 

 

Richtige Lösung:

V   In der Verlängerung der Bildstraße        ( Ä )

 

Frage Nr. 9

 

Beim Westausgang auf dem Alten Friedhof steht der Grabstein von Emma und Gottlob Obenland. Gottlob Obenland war Ehrenbürger von Ilsfeld, er hatte zahlreiche Ehrenämter inne und war Landtagsabgeordneter. In welchem Alter ist Gottlob Obenland im Jahr 1966 gestorben?

 

Richtige Lösung:

V   Er wurde 95 Jahre alt         ( C )

 

 

Frage Nr. 10

 

Durch Einheirat kam im 18. Jahrhundert die Familie von Gaisberg als Burgherr nach Helfenberg. Der Wohnsitz war im „Unteren Schloss“, in der Mitte des Dorfes. Als auch das verfiel, wurde ein Gutshaus an gleicher Stelle erbaut. 1824 wurde durch König Wilhelm I. der gesamten verzweigten Familie der Freiherrenstand bestätigt. In Ihrem Wappen führt die Familie v. Gaisberg ein markantes Zeichen.

Was ist es?

 

Richtige Lösung:

V Das Horn eines Steinbocks  ( K )

Frage Nr. 11

 

Eine Brücke verbindet in Auenstein zwei neue Baugebiete.

Sie soll Kindern den Weg in die Schule kürzer und sicherer machen.

Welche Straße überspannt sie?

 

Richtige Lösung:

V Die Helfenberger Straße      ( E )

Frage Nr. 12

 

Das Dorastift wurde nach dem Großen Brand 1904 von Prof. Dr. Karl Vollmöller gestiftet. Auf einer Informationstafel wird auch erinnert, wer den ersten Kindergarten, Kleinkinderpflege genannt, stiftete. Wer stiftete diesen in den Jahren 1881 und 1886 ?

 

 

 

Richtige Lösung:

V  Frau Wilhelmine Fr. Kachel und Fräulein K. Kachel     ( R )


Die Geschichte der Alten Kelter (Teil 3 von 3)

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 26 vom 30. Juni 2022

 

Die Gemeinde Ilsfeld kauft die Kelter

 

Im Jahr 1835 hat die Gemeinde die Kelter mit allem Zubehör von der Königlichen Hofdomänenkammer erworben. Der Kaufpreis betrug 600 Gulden. Man darf davon ausgehen, dass sich an den Keltergepflogenheiten wenig geändert hat, die Kelter wurde in ähnlicher Weise weiterbetrieben wie vorher, allerdings nun unter der Aufsicht und Verwaltung der Gemeinde.

 

Die Bedeutung des Weinbaus ging gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch Rebkrankheiten, die man zunächst nicht erfolgreich bekämpfen konnte, zurück. Die Weinberge in einigen Lagen (z.B. Wohllebe, Steinhälde, Hezenberg, Hinterer Rappen, Pelz, Loch) gingen ein.

 

Als der Betrieb der Alten Kelter etwa im Jahr 1900 schließlich eingestellt wurde, haben die Weingärtner meist bei Küfern gekeltert.

 

Im Jahr 1892/93 hat die Gemeinde den Farrenstall an die Kelter angebaut und die Farrenhaltung verantwortlich übernommen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Farrenhaltung Angelegenheit von zwei Ilsfelder Bauern, in deren Stall auch die Farren standen. Wahrscheinlich ist die Kelter verkleinert worden, um den quergestellten Anbau zu errichten. 1955 wurde ein Bereich zum Futterschneiden von der Kelter abgetrennt.

 

Vermutlich ab dem Jahr 1905 wurde ein Teil der Kelter als Feuerwehrmagazin benutzt. Die Kelter diente auch den Weingärtner zur Aufbewahrung der Butten und Zuber.

 

 

Der an die Kelter angebaute Farrenstall mit einem Bereich zum Futterschneiden

 

Im Jahr 1948 wurde die Weingärtnergenossenschaft Ilsfeld gegründet, die sich später mit den Nachbarorten zusammenschloss. Im Herbst 1950 wurden die notwendigen Einrichtungen in der Alten Kelter aufgestellt. Die Kelter erfüllte wieder ihre eigentliche Aufgabe.

 

Durch Rebflurbereinigungen bekam der Weinbau in Ilsfeld neuen Auftrieb. Überlegungen zum Bau einer neuen Kelter begannen im Jahr 1966. Diese konnte im Herbst 1972 in der Daimlerstraße in Betrieb genommen werden, 1982 wurde diese erweitert.

 

 

 

Nach der Errichtung des Feuerwehrmagazins 1973 in der Vorstadtstraße wurde weiterer Platz in der Kelter frei, so dass der Bauhof nun das ganze Gebäude benutzen konnte.

 

 

 

Die neue Kelter mit Verkaufsgebäude, heute die Vinothek 

Quelle: Heimatbuch Ilsfeld

 

 

1985 wurde der Ilsfelder Heimatverein gegründet. Mit der Maibaumaufstellung auf dem Platz vor der Alten Kelter ließ der Heimatverein eine alte Tradition wieder aufleben. Die beeindruckende Aufstellung des mächtigen Baumes weckte das Interesse von Jung und Alt, danach machte man es sich vor der Kelter gemütlich. Die Kelterhocketse mit der Maibaumaufstellung trug ihren Teil dazu bei, das älteste Gebäude des Ortes in Erinnerung zu rufen.

 

 

 

Die Kelterhocketse vor der Alten Kelter

 

 

 

Was ist aus den Kelterbäumen geworden, die bereits 1521 erwähnt sind, nachdem um das Jahr 1900 der Betrieb der Kelter erstmals eingestellt wurde?

 

Otto Conrad schreibt:

 

„Man ließ sie, die alten, technisch großartigen, wenn auch schwerfälligen Wunderwerke alter handwerklicher Zimmermannskunst, an ihren jahrhundertealten Wirkungsstätte stehen. Nach dem Ersten Weltkrieg erschienen sie hinderlich, ausgedient, überflüssig. Man hat ihre starken Hölzer, Balken und Spindel zusamt den Bieten (Pressen) als Nutz- und Brennholz um wertloses Inflationsgeld pietätlos verkauft und nicht eine davon der Nachwelt zur Anschauung und Bewunderung hinterlassen ...“

 

 

 

Walter Conrad / M. Braun

 

 


Die Geschichte der Alten Kelter (Teil 2 von 3)

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 25 vom 23. Juni 2022

 

Die Alte Kelter – ehemals die herzoglich-württembergische Kelter

 

Die Alte Kelter hat den Großen Brand von 1904 unbeschadet überstanden. Auch am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, als zahlreiche Gebäude in Ilsfeld in Schutt und Asche lagen, war die Kelter nicht beschädigt.

 

Der Kelter ist – wie auch der Bartholomäusmarkt, aus dem der Holzmarkt hervorgegangen ist – im Lagerbuch aus dem Jahr 1521 erwähnt.

 

Der Text beginnt mit den Worten:

„Item kayßerlich majesstatt hat eine kelter zu Ylßfeld mit drey bömenn, die ist kays. maiestatt schuldig, im wesentlichen Büw, behausung uvvd alles anderst, was zu den bömen gehört, zu halten. Doch haben die armen lytt die büttin selbs zu vunderhalten […].“

 

Am Anfang des Textes fällt auf, dass dem Kaiser die Kelter in Ilsfeld gehört. Das hängt damit zusammen, dass Herzog Ulrich 1519 aus seinem Land vertrieben wurde und Württemberg in österreichischen Besitz gelangte. Das Lagerbuch vom Jahr 1521 gehört zu den altwürttembergischen Lagerbüchern aus der österreichischen Zeit zwischen 1520-1534.

 Die Erwähnung der Kelter zu Ilsfeld im Lagerbuch von 1521

Vorlage: Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 101/32, Band 3

 

 

Die Kelter hatte drei „Beem“, also drei Kelterbäume, mit denen Druck beim Pressen der Trauben erzeugt wurde. Die Kelterbäume, die in der Ilsfelder Kelter

standen, darf man sich etwa so vorstellen, wie den in der Abbildung gezeigten Kelterbaum im Weinbaumuseum in Stuttgart-Uhlbach.

 

Der Kelterbaum im Weinbaumuseum in Stuttgart

Abbildung: Weinbaumuseum Stuttgart / Benjamin Widholm

 

Der Verfasser des Lagerbuches, der Notar des Vogts von Lauffen, nennt dann noch einige Rechte und Pflichten der Betroffenen. Dazu gehörte, dass der Unterhalt der Kelter der Herrschaft oblag, ausgenommen die Butten, für die die armen Leute selbst zu sorgen hatten. Dann ist weiter ausgeführt, dass „von diesen bömen nymptt die Herrschaft des dreßigst thaill zu kelterwein“. Der Schultheiß und die Männer des verantwortlichen Gremiums des Ortes – Gericht genannt – erhielten den Lohnwein.

 

Der Vollständigkeit wegen soll erwähnt werden, dass die Kelter in einem Vertrag zwischen Herzog Ulrich, Burkart Sturmfeder von Oppenweiler, Vogt zu Besigheim, bereits im Jahr 1500 als herzoglich württembergischer Besitz erwähnt ist.

 

Im Lagerbuch von 1779 ist über die Kelter festgehalten:

 

„Die Kelter zu Ilsfeld vorm untern Tor gelegen […] ist der Herrschaft von Württemberg eigen und aller Steuer, Beschwerden und Auflegung […] frei, hat vier Bäum und ein Kelterstüble [...] Alle Britter, Bracken, Baumsalben, Eichgeschirr, Schindeln, Schrauben, Bietzüber und Lichter gibt gnädigste Herrschaft Württemberg in die Kelter. Aber Leitfässer und Bütten sollen die Deyenden (diejenigen, die keltern) selbst erhalten. […] Das obbeschriebene Kelterhaus mit samt den 4 Bäumen und dem Kelterstüble hat die Herrschaft Württemberg bisher in gutem wesentlichen Bau erhalten lassen.“

 

Der Verfasser nimmt bei der Beschreibung Bezug auf die Dorfmauer und Tore. Das untere Tor stand an der heutigen König-Wilhelm-Straße am Ende der Haagstraße, das obere Tor befand sich etwa bei der Abzweigung König-Wilhelm-Straße/Charlottenstraße bei der zur Marktstraße führenden „Haagstaffel“ genannten Treppe.

 

Das erste Gebäude der Kelter aus der Zeit vor 1500 wurde vermutlich im Dreißigjährigen Krieg zerstört, der jetzige Bau stammt wohl aus der zweiten Hälfe des 17. Jahrhunderts.

 

Ein Plan aus dem Jahr 1820 zeigt die Lage der Kelter außerhalb der Dorfmauer vor dem unteren Tor.

Abbildung: Archiv des Hauses Württemberg

 

1 Straße von Laufen nach Auenstein

2 Weg nach Ottmarsheim

3 Kelter

4 Kelterplaz

5 Friedrich Obenlands Behausung

6 bürgerliche Gärthen

7 bürgerliche Gebäude und Gärthen

 

Walter Conrad / M. Braun

 

 


Die Geschichte der Alten Kelter (Teil 1 von 3)

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 24 vom 15. Juni 2022

 

Wer von Lauffen oder Heilbronn nach Ilsfeld fährt, nimmt den neu gestalteten Ortseingang wahr. Einige Arztpraxen, Büros, die Apotheke, die Kreissparkasse, ein Geschäftshaus mit der Mediothek haben nördlich der König-Wilhelm-Straße Platz um den neuen Kelterplatz gefunden. Auf der südlichen Seite sind ein Ingenieurbüro und das Bürgerbüro der Gemeinde untergebracht. Die Alte Kelter wurde zur Markthalle umgebaut. Damit hat die Alte Kelter nach Jahrzehnten unterschiedlicher Nutzung eine neue Funktion erhalten. Symbolisch wurde vor der Alten Kelter wieder ein prächtiger Maibaum aufgestellt. In das mehr als 500 Jahre alte Gebäude ist wieder Leben eingekehrt.

Nachdem die Neugestaltung des westlichen Ortseingangs fertiggestellt ist, soll an die Geschichte der Alten Kelter erinnert werden.

 

Wir orientieren uns an dem Artikel von Otto Conrad „Von den Ilsfelder Keltern“. Dieser ist vor knapp 50 Jahren in „Schwaben und Franken, heimatgeschichtliche Beilage der Heilbronner Stimme, Nr. 7, Juli 1973“ erschienen. Martin Kühlbrey hat im Jahr 1996 in den „Ilsfelder Nachrichten“ zur Geschichte der Alten Kelter geschrieben und dabei auf Dokumente aus dem Archiv des Hauses Württemberg im Schloss Altshausen zurückgegriffen, die wir ergänzend einbeziehen.

 

Die zur Markthalle umgestaltete Alte Kelter mit dem Maibaum

Abbildung: M. Braun

Die Grundherren in Ilsfeld um das Jahr 1500

 

In Ilsfeld gab es – neben einigen kleinen – drei Grundherren, die das Ortsgeschehen bestimmten und denen die Bauern Abgaben vom Ertrag der Felder und Weinberge schuldig waren. Seit dem Jahr 1300 hatten die Johanniter großen Besitz auf der Ilsfelder Gemarkung, ab der Mitte des 14. Jahrhunderts auch das Haus Württemberg. Ende des 15. Jahrhunderts sind die Freiherren von Weiler als Grundherren erwähnt.

 

Die Johanniter besaßen eine Kelter, die in der Nähe der Bartholomäuskirche stand, die heutige Alte Kelter gehörte dem Haus Württemberg, eine Kelter der Freiherren von Lichtenberg ist nicht bekannt.

 

Informationen zur älteren Geschichte der Keltern in Ilsfeld findet man in den Lagerbüchern. Diese enthalten Besitzverzeichnisse sowie Pflichten und Rechte, die damit verbunden waren. Lagerbücher beschreiben also auch die Beziehungen zwischen der Herrschaft und den Abhängigen.

 

Die Kelter des Johanniterordens

 

Das Lagerbuch aus dem Jahr 1741 erwähnt die „Kelter hinter der Kirchmauer“, die den Johannitern gehörte. Soweit der Wein nicht von der Kommentur in Rohrdorf (bei Nagold) oder Dätzingen (ein Ortsteil von Grafenau zwischen Sindelfingen und Weil der Stadt) angefordert wurde, ist er wohl in Ilsfeld verkauft worden. Im Jahr 1806 fiel der Besitz des Johanniterordens an das Haus Württemberg. Im Dezember 1805 lagerten 55 Eimer Wein, das entspricht 16.500 Liter, im Keller der Johanniter. Von Dätzingen kamen zwei Fuhrwerke, um Wein für den Herrn Kommentur zu holen, sie mussten allerdings nach tagelangem Warten leer zurückfahren.

 

Reste des Fronhofs neben der abgebrannten Kirche 1904

 

Zehntstein mit dem achtzackigen Johanniterkreuz

 

Abbildungen: Ilsfelder Heimatverein:„Vom Bartholomäusmarkt zum Holzmarkt ...“

 

 

 

Im Oktober 1811 wurden sämtliche Gebäude des Fronhofs versteigert, die Kelter erhielt Amtsschreiber Ludwig für 325 Gulden. Danach erfährt man von der Kelter nichts mehr. Das Gebäude ist vermutlich beim Großen Brand 1904 abgebrannt.

 

 

 

Der Fronhof, in dessen Nähe die Kelter stand, befand sich neben der Kirche. Er ist ebenfalls 1904 abgebrannt. Um Platz zu schaffen für die Neugestaltung des Dorfes beim Wiederaufbau hat man die mächtige Ruine gesprengt.

 

 

 

An die 500 Jahre, in denen die Johanniter in Ilsfeld Grundbesitz und eine Kelter hatten, erinnern in Ilsfeld nur noch einige Zehnststeine, die die Grundstücke markierten, von deren Ertrag die Bauern als Pächter den zehnten Teil an die Herrschaft abgeben mussten. Der abgebildete Zehntstein steht heute zwischen Kirche und Pfarrgarten. Seinen ursprünglichen Platz hatte er etwas oberhalb des Dietersbergstadions.

 

 

 

Aus dem Johanniterorden sind die Johanniter-Unfallhilfe und der Malteser Hilfsdienst hervorgegangen. Beide Hilfsorganisationen erkennt man am achtzackigen Kreuz, das auf den Zehntsteinen zu sehen ist.

 

 

 

Walter Conrad / M. Braun

 

 


Die Geschichte der Ilsfelder Molkerei

Ilsfelder Nachrichten in den Ausgaben Nr. 16 - 23 

im Zeitraum  21.04.22 – 09.06.22

 

n den 1920er Jahren bestand Ilsfeld, wie auch seine Teilorte, hauptsächlich aus landwirtschaftlichen Betrieben. Die meisten Landwirte betrieben dabei auch eine Vieh- und Milchwirtschaft. Milch wurde zunächst hauptsächlich für den eigenen Bedarf und die Versorgung der Ilsfelder Bevölkerung erzeugt.

Butterfass zu besichtigen im Heimatmuseum

 

 

In den meisten Bauernküchen stand damals eine Zentrifuge, mit der die Milch abgerahmt wurde, um aus dem gewonnenen Rahm mit dem Rührfass oder dem Stampffass selbst Butter herzustellen.

Die verbliebene Magermilch wurde dann für die Kälber- und Schweineaufzucht verfüttert. Der Verkauf von Milch und Butter an Privatverbraucher erbrachte dem bäuerlichen Haushalt etwas Bargeld, das für den über die Eigenversorgung hinausgehenden täglichen Bedarf dringend benötigt wurde. Für einen Liter Milch erhielt der Bauer in den 20iger Jahren so um die 17 Pfg. (Pfennig). Dies schien ein guter Preis zu sein, denn immer mehr Bauern hielten Kühe oder vermehrten ihren Bestand, um mehr Milch zu erzeugen. Zudem hatten die Heilbronner Stadtbewohner großes Interesse an einer Milchversorgung. Zu Beginn brachten die Fuhrwerke der Ilsfelder Bauern Ulmer und die Kuenle die Milch nach Heilbronn. Das Problem bestand allerdings auch darin, wie die Milch unverdorben in die Stadt kommen sollte. Gerade im Sommerhalbjahr, wenn es heiß war, bestand die Gefahr, dass die Milch auf dem Weg sauer und ungenießbar wurde. In Heilbronn gab es außer der Milchzentrale (ein Zusammenschluss privater Milchhändler) noch viele private Einzelhändler, die ihre Kundschaft mit Pferdefuhrwerken von Haus zu Haus mit Milch versorgten.

Die Ilsfelder, als auch die Bauern aus der Umgebung, dachten daher bald über die Gründung einer eigenen Milchverwertungsgenossenschaft nach. Im Frühjahr 1927 kam es dann zur Gründung der Milchverwertungsgenossenschaft Ilsfeld, einer eingetragenen Genossenschaft mit beschränkter Haftung mit Sitz in Ilsfeld. Die Mitglieder kamen aus Ilsfeld, Auenstein, Schozach, Abstetterhof, Helfenberg, Abstatt, Vorhof, Unterheinriet und Winzerhausen. Später kamen noch Mitglieder aus Kurzach und Nassach hinzu.

 

Ehemaliges Molkereigebäude

 

 

 

Der Bau eines Molkereigebäudes gegenüber dem Ilsfelder Bahnhof wurde beschlossen. Leider wurde dabei versäumt, einen Kostenvoranschlag seitens des Bauleiters Theodor Körner erstellen zu lassen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich das Kostenvolumen einschließlich der erbrachten Eigenleistungen auf etwa 100.000 RM belief. Zur Finanzierung mussten Kredite in Höhe von 50.000 RM bei der Genossenschaftlichen Zentralkasse in Stuttgart und von 30.000 RM bei der Landwirtschaftlichen Kredit- und Warengenossenschaft Lauffen aufgenommen werden.

 

Die Einweihung der Molkerei erfolgte im Rahmen der Generalversammlung am 30. Sept. 1928. Vermutlich erfolgte die Inbetriebnahme jedoch bereits im Frühjahr 1928. Für die Annahme und Verarbeitung der Milch waren der Molkereiverwalter Karl Hepp verantwortlich, ihm standen zwei Gehilfen, Theodor Steiner und Max Rauch, zur Seite und für die Reinigung war Friederike Agster zuständig.

 

 

Der Molkereiverwalter erhielt eine Vergütung von monatlich 172 RM frei von Versicherungsbeiträgen bei freier Wohnung und freier Molkereiprodukte in Form von 1 Liter Milch pro Tag und 1 Pfund Butter pro Woche.

Die Milch wurde damals von dem Milchsammler und Milchausführer Hermann Müller entlang der Straßen angenommen, in der Molkerei in Ilsfeld angeliefert und dann der Milchzentrale Heilbronn wie auch an private Milchhändler verkauft. Die Milch aus den Nachbarorten wurde größtenteils mit Pferdefuhrwerken angeliefert.

Für den Transport der Milch von Ilsfeld zur Milchzentrale Heilbronn wurde etwas später ein Lastkraftwagen (3,5 t MAN) für 13.000 RM angeschafft. Der Fahrer war Hermann Müller aus Ilsfeld, er erhielt einen Stundenlohn von 50 Pfg.

Nachdem das mit der Heilbronner Milchzentrale vereinbarte Kontingent von täglich 1.500 l Frischmilch durch die Anlieferung der Bauern überschritten wurde, wurde beschlossen eine Käserei einzurichten. Die über das Kontingent hinausgehende angelieferte Milch sollte zu Butter und Käse verarbeitet werden.

Der Molkereiverwalter Hepp wurde für den sehr bald bekannten Wunnenstein-Limburger und den Wunnenstein-Romadur mit Preisen ausgezeichnet.

 

 

 

Da der Transport der Milch mit dem vorhanden LKW nicht mehr bewältigt werden konnte, wurde ein weiterer 1,5 t Brennabor-LKW angeschafft, Preis 6.000 RM.

 

Am 13.07.1928 fand eine gemeinsame Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat statt, die sehr lebhaft verlaufen sein soll, es gab wohl erhebliche Uneinigkeit in der Verwaltung hinsichtlich der Geschäftsführung. Die Molkerei schien in eine Schieflage gekommen zu sein. Die Bilanz, die der Geschäftsführer der Generalversammlung am 14.02.1929 vorstellte, wies einen Verlust von 59.885 RM aus.

 

Die Missstände der Ilsfelder Molkerei machten weit über die Heilbronner Region hinaus Schlagzeilen. In der Molkerei-Zeitung Kempten im Allgäu erschien bereits am 29. Nov. 1928 ein Artikel, in dem es um die Molkereigenossenschaft Ilsfeld ging. Darin wird berichtet, dass bei einer kürzlich stattgefundenen Revision festgestellt wurde, dass der Betrieb zwischenzeitlich Schulden in Höhe von 200.000 Mark ausweist, welche nun von den Landwirten gedeckt werden müssen.

 

 

 

Zeitungsartikel vom 08. Dez. 1928

Die zu Rate gezogenen Sachverständigen waren empört über die „Verschleuderung von Krediten und die Unfähigkeit und den Leichtsinn, der aus jeder Maßnahme in der dortigen Molkerei spricht.“ Von Seiten der Gutachter wurden erhebliche Mängel beim Bau der Molkerei festgestellt, zudem wurde bemängelt, „dass für den Bau nicht die berufsbezogenen fachkundigen Berater der württembergischen Regierung oder der landwirtschaftlichen Genossenschaft befragt wurden, sondern Vertreter, die von den Gesetzen der milchwirtschaftlichen Betriebslehre nicht die geringste Ahnung besaßen“. Als Beweis wurden folgende Beispiele benannt: „Eine Rampe aus Brettern, ein Betriebsraum in dem alle möglichen zusammengekauften Maschinen stehen, eine schiefe Ebene zur Käserei herunter, die nicht begangen werden kann, usw.  Der Bau ist so minderwertig und falsch konstruiert, daß im Sitzungssaal sich die Decken durchbiegen. Die Kellerdecken sind so schlecht, daß das Wasser aus den Betriebsräumen durch die Decke geht und in die Käserei tropft.“

Leidtragende dieser Misswirtschaft waren letztendlich die teilhabenden Landwirte, denn bei der Generalversammlung am 14.02.1929 wurde die Abschreibung des Verlustes an den Geschäftsanteilen genehmigt. Zudem wurde der Geschäftsführer Schuhkraft seines Amtes enthoben.

  Käserei im Keller

 

Der neu ernannte Geschäftsführer Branz konnte bei der außerordentlichen Generalversammlung am 29.06.1929 bereits von ersten wirtschaftlichen Erfolgen berichten. Allerdings hatte die Genossenschaft auch 62 Austritts-erklärungen zu verzeichnen. Eine bereits beschlossene Liquidation der Genossenschaft wurde wieder rückgängig gemacht. Die Haftungssumme pro Geschäftsanteil betrug 350 RM, dies entsprach auch dem Geschäftsanteil.

Schultheis Siegele von Auenstein wurde zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Er erhielt eine monatliche Entlohnung von 150 RM, davon musste er jedoch auch seine Hilfskraft bezahlen. Der frühere Geschäftsführer Schukraft verlangte von der Genossenschaft 500 RM Schadenersatz, weil er wegen der Verweigerung eines Zeugnisses keine Anstellung mehr bekommen konnte.

 

Friedrich Siegele

In der Käserei wurden täglich ca. 1.000 l Milch verarbeitet. Zur Bewältigung der Arbeit beantragte Molkereiverwalter Hepp die Einstellung eines Molkereigehilfen, einen Lehrling hatte man bereits eingestellt.

 

Karl Hepp und Lehrling in der Käserei

Im April 1930 musste der Milchpreis von 16 Pfg. auf 15 Pfg. pro Liter auf Grund der rückläufigen Nachfrage angepasst werden. Am 18. Mai 1930 fand die 4. Ordentliche Generalversammlung statt. Inzwischen hatte die Genossenschaft jedoch nur noch 453 Mitglieder, aber auch bei diesen schien das Interesse an der Generalversammlung nicht sonderlich hoch zu sein, denn es waren nur 140 Mitglieder erschienen. Der Vorsitzende berichtet mal wieder über die Schwierigkeiten im Frischmilchabsatz und die katastrophale Preislage für Molkereiprodukte.

Mit dem Milchpreis ging es weiter bergab, nachdem ab Mai 1930 der Preis auf 14 Pfg. festgesetzt wurde, wollte die Milchzentrale Heilbronn ab Jan. 1931 nur noch 13 Pfg. bezahlen. Da die Milchzentrale Heilbronn zudem täglich 300 l Milch weniger abnahm, die Milchanlieferungen jedoch gestiegen waren, mussten täglich ca. 1.200 l verarbeitet werden.

Da die Frischmilchpreise und auch der Preis für Molkereiprodukte allgemein zurückgegangen waren, sah sich die Genossenschaft gezwungen, den Milchpreis ab Jan. 1932 auf 12 Pfg. pro Liter festzusetzen. Am 15. Febr. 1932 kündigte die Milchzentrale Heilbronn kurzfristig die bestehenden Lieferbeziehungen; der Frischmilchabsatz war infolge der Arbeitslosigkeit und Geldknappheit stark zurückgegangen.

 

 

Mitarbeiterinnen bei der

Milchverarbeitung

Demzufolge waren die Jahre 1931 und 1932, nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Obenland, Sorgenjahre. Bei einer gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 31.12.1932 wurde nach Abschluss des Warenbestandsnachweises zudem festgestellt, dass etwa 500 Stangenkäse, 150 Romadur, 1800 Delikatesse-Käse und 1,5 Zentner Tilsiter fehlen.

In der Generalversammlung 1933 berichtete der anwesende Oberrevisor Grimminger, dass die Genossenschaft unter der Bedingung, dass das Geschäftsguthaben in Höhe von 96.820 RM zur Verlustdeckung eingesetzt würden, die Reichsgenossenschaftshilfe eine Reichshilfe von 56.000 RM bezahlen würde. Die Bilanz zum 31.12.1932 wurde durch den Beschluss der Generalversammlung in diesem Sinne ausgeglichen.

Es traten sämtliche amtierende Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder zurück. Unter dem Vorsitz des Oberrevisors Grimmiger wurde ein neuer Vorstand und Aufsichtsrat gewählt. In den Vorstand wurden  gewählt: Gottlob Obenland aus Ilsfeld als Vorsteher, Fritz Siegele, Bürgermeister in Auenstein, als stellvertretender Vorsteher und Geschäftsführer, Karl Pfeiffer, Auenstein, Adolf Bopp, Abstatt, Gottlob Nester, Unterheinriet, Gottlob Braunbeck, Winzerhausen, Karl Schäfer, Abstetterhof, Julius Baier, Holzweilerhof und Otto Nesper aus Schozach.

 

Blick in den Heizraum der Molkerei

Um konkurrenzfähig zu bleiben war es nun unumgänglich, dass die Molkerei auf den neuesten Stand der Technik eingerichtet werden musste. Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen wurden eingeleitet. So wurde ein großer Schornstein erstellt, ein neuer Dampfkessel eingebaut, eine neue Käserei einschließlich eines entsprechenden Käsekellers eingerichtet. Des Weiteren wurde die Einrichtung für die Butterherstellung und eine neue Kühlanlage eingerichtet. Zudem wurde eine Erhitzungsanlage eingebaut, die auf dem neuesten Stand der Technik sich befand und ein Wasserreinigungsfilter einmontiert. Gottlob Obenland berichtet in seinen Lebenserinnerungen ausführlich über die Sanierungsmaßnahmen und die dadurch erzielten Erfolge bei der Butter- und Käseherstellung. „So wurde es uns möglich für unsere Butter erste Preise zu erzielen. Bei der Butterprüfung rangierten wir öfters an vorderster Stelle und standen einmal vor Hohenheim. So fanden wir guten Absatz für Butter und Milch in Ludwigsburg, in Frankfurt hatten wir die besten Großhändler als Butterabnehmer.“

 

2 Mitarbeiterinnen in der Molkerei

 

Im Jahr 1933 wurde die Milchversorgung Heilbronn GmbH gegründet, an deren Stammkapital in Höhe von 60.000 RM auch die Milchverwertungs-genossenschaft Ilsfeld und Umgebung eGmbH mit 3.000 RM beteiligt war. Im darauffolgenden Jahr wurde in einer Anordnung des Milchwirtschaftsverbandes Württemberg der “Ab-Stall-Verkauf“ von Frischmilch untersagt. Die Verbraucher konnten Milch nur noch in der örtlichen Sammelstelle bzw. Molkerei kaufen. Gegen Bezahlung eines Trägerlohns wurde Milch auch durch örtliche Milchsammler verkauft.

 

 

 

Im Inneren der Molkerei

 

Im Inneren der Molkerei

 

In den Aufzeichnungen von Gottlob Obenland dem damaligen Vorstand wird  über die darauffolgen Jahre berichtet: „ Dann kam die Zeit der angeordneten Rationalisierung und da wollte uns Heilbronn unsere Molkerei abpachten, vorerst für 5 Jahre. Ich konnte mich aber mit den Pachtbedingungen, welche der Milchhof Heilbronn, d.h. die Stadt Heilbronn stellte nicht einverstanden erklären aus wohlerwogenen Gründen. Die Genossenschaftsmitglieder teilten meine Ansicht und stimmten in der Generalversammlung am 4. Juli 1937 mit großer Mehrheit gegen eine Verpachtung. Als wir dann aber unter Druck gesetzt wurden, indem einige unserer Ortschaften von uns abgetrennt und nach Ludwigsburg ihre Milch abliefern sollten, waren wir gezwungen zu handeln. Nach reiflichen Erwägungen kam ich zu dem Entschluss, wenn schon etwas geschehen muss, dann lieber verkaufen, ehe noch unser Einzugsgebiet aufgeteilt wird. Denn die Molkereien Ludwigsburg, Kornwestheim und Stuttgart hatten einen viel größeren Milchverbrauch als Heilbronn. Bei den Vorverhandlungen war mir auch viel daran gelegen, dass unsere Molkerei Milchannahmestelle bleibt, denn dadurch werden den hiesigen Milcherzeugern die Transportkosten erspart, das sind bei 1.500 Litern Tageslieferung mit 1 Pfg. pro Liter über 5.000 RM im Jahr.“

 

Zudem kam, dass wegen der Maul- und Klauensuche in Ilsfeld die Molkerei von Anfang Dez. 1937 bis Anfang Jan. 1938 geschlossen werden musste.

 

In der Generalversammlung am 14.08.1938 im Gasthaus Hirsch in Ilsfeld wurde dann einstimmig beschlossen, das Ilsfelder Molkereigebäude der Milchversorgung Heilbronn zum Wert von 40.950 RM käuflich zu überlassen. Um die Kosten einer Liquidation zu vermeiden, wurden in den betreffenden Nachbargemeinden neue Genossenschaften gegründet. Ilsfeld-Schozach blieb als Rumpfgenossenschaft mit einem Anteil von 36% bestehen. Das war das „Aus“ der im Jahr 1927 gegründeten Milchverwertungsgenossenschaft Ilsfeld und Umgebung eGmbH.

 

 

 

Lina Hepp bei der Milchannahme

Im April 1939 wurde eine Neuorganisation der Genossenschaft beraten und beschlossen und eine neue Fassung verabschiedet. In den Kriegsjahren 1942-1945 ruhte weitgehend die Verwaltungstätigkeit. Die Abrechnung des Milchgeldes übernahm die damalige Genossenschaftsbank Ilsfeld. Nach dem Krieg fand erstmals am 14. Juni 1946 in der Gemeindehalle wieder eine Generalversammlung statt. Von den verbliebenen 223 Mitgliedern waren jedoch nur 46 erschienen. In den Kriegsjahren 1942–1945 wurden 370.600 Liter Milch abgeliefert. Der Reingewinn in Höhe von 3.706 RM kam zur Ausschüttung.

Nach dem Krieg beteiligte man sich an der Milcherzeugergenossenschaft Unterland mit einem weiteren Geschäftsanteil in Höhe von 1.000 DM, dadurch war man berechtigt, jährlich 600.000 Liter Milch abzuliefern. Die Geschäftsführung der Ilsfelder Genossenschaft übernahm Wilhelm Schelle.

Im Jahr 1949 und in den folgenden Jahren kamen viele neue Verordnungen hinsichtlich der Kontrollen und Qualitätsbestimmungen und der Preisgestaltung. Die Auszahlungspreise wurden auf Basis des Fettgehalts bestimmt. So gab es in Gruppe 1 (Fettgehalt 4% und mehr) 26 Pfg., in Gruppe 2 (Fettgehalt 3,5%-3,99%) 24 Pfg., in Gruppe 3 (Fettgehalt 3%-3,49%) 22 Pfg., und in Gruppe 4 (Fettgehalt 2,99% und weniger) nur noch 20 Pfg..

Ab 1951 wurde auch das Milchsammeln auf der Straße mittels Pritschenwagen und Pferdegespann durch Milchsammler Conrad verboten. Der Bau einer Milchsammelstelle musste geplant werden. Bis zur Fertigstellung eines Sammelstellenneubaus wurden 2 provisorische Sammelstellen, zum einen das frühere Eichamt der Gemeinde und zum anderen die Garage der Familie Nagel, eingerichtet. Alle Landwirte, die in der Nähe der Molkerei ihren Betrieb hatten, konnten weiterhin dort ihre Milch abgegeben. Die Generalversammlung entschied, das Grundstück in der König-Wilhelm-Str. 65 zu erwerben und darauf eine Milchsammel- und Verkaufsstelle zu errichten. (Heute befindet sich dort der Imbiss Döner Orient-Express). Mit der Planung wurde der Ilsfelder Architekt Gottlob Britsch beauftragt. Am 24.07. 1954 konnte die Genossenschaft die neu erbaute Sammel- und Verkaufsstelle einweihen. Für viele Jahre übernahm das Ehepaar Wilhelm und Babette Käs den Milch- und Molkereiprodukteverkauf. Im Laden konnten neben Milch auch Rahm, Butter, Joghurt, Quark und verschiedene Käsesorten gekauft werden. Jahre später wurde im Untergeschoss noch eine Gemeinschaftsgefrieranlage eingebaut. Die Anschaffung einer Gefriertruhe war für die Landwirte zu teuer. Zu Anfang wurde nur Fleisch aus Hausschlachtungen eingefroren. Die Gefrierfächer waren in vier Reihen übereinander angeordnet und dadurch teilweise schwer zugänglich. Um Reibereien zu vermeiden wurden diese zugelost.

Doch Ende der 60er Jahre wird die Genossenschaft mit dem Problem der Rationalisierung bei der Milcherfassung konfrontiert. Die Milch konnte nicht mehr zur Milchsammelstelle gebracht werden, an der die Menge erfasst wurde. Es erfolgte die Umstellung der Milchablieferung auf Hofabholung, hierfür waren die Landwirte gezwungen, einen Raum mit einer Kühlvorrichtung einzurichten, sogenannte Milchküchen.

 

Kleinere Landwirte, die nicht mindestens 300 Liter Milch in 2 Tagen garantieren konnten, mussten kleinere fahrbare Milchtanks anschaffen und diese an vereinbarten Sammelplätzen bereitstellen, an denen diese dann abgeholt und die Menge erfasst wurde. Die Milchsammel- und Verkaufsstelle konnte Anfang der 70er Jahre geschlossen werden und das Gebäude wurde verkauft. Die Ilsfelder Genossenschaft wurde aufgelöst. Die verbliebenen Genossen erhielten neben der Auszahlung ihres Geschäftsanteils auch entsprechende Anteile, die sich aus den stillen Reserven ergaben. Viele wurden Mitglied der Milcherzeugergenossenschaft Unterland.

Bei Gründung der Genossenschaft im Jahre 1927 gab es vermutlich mehr als 500 Landwirte, die Milchwirtschaft betrieben. Seitdem ist ein erheblicher Rückgang festzustellen. Im Jahr 1987 waren es noch um die 20 landwirtschaftliche Betriebe die Milch erzeugten, heute im Jahr 2022 verbeiben noch zwei Betriebe, Familie Obenland in Ilsfeld und Familie Baier im Abstetterhof.

Quellen:        Ilsfeld, Ein Heimatbuch, Herausgeber Gemeinde Ilsfeld

Ilsfeld in Vergangenheit und Gegenwart,  Autor Hermann Conrad, Die Landwirtschaft im Wandel, Herausgeber Ilsfelder Heimatverein,

Zeitungsartikel vom 08.12.1928 – Titel: Ein Fachurteil über die Molkerei Ilsfeld

Lebenserinnerungen von Gottlob Obenland

Die Bilder wurden uns seitens der Familie Hepp aus Ilsfeld zur Verfügung gestellt oder sind im Besitz des Heimatvereins

 


Die Geschichte des Bieres in Württemberg und wie eine Brauerei sich in Ilsfeld ansiedelte

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 3 - 5 vom   20./ 27./ Jan. / 03. Febr. 2022

 

Am 28. Juli 1933 erschien in der Marbacher Zeitung ein Artikel von Otto Conrad, mit dem Titel „Die Geschichte des Bieres in Württemberg“. Als Einleitung schreibt er: „Das Bier ist ein verhältnismäßig junges Getränk, vor dreihundert Jahren wußte man in Württemberg kaum etwas von ihm.“ Diese Feststellung gilt auch heute noch, bald 90 Jahre später, denn Wein wurde bereits im 2. Jahrhundert nach Chr. in Württemberg angebaut und war damals das alkoholische Hauptgetränk in Württembergs Haushalten. Erst im 30-jährigen Krieg, um das Jahr 1650, kam dann auch das Bier nach Altwürttemberg und erste Brauereien wurden aufgebaut. Es gab jedoch auch Widerstand, im Mai 1651 wurde die herzogliche Regierung von Württemberg gebeten, das Bierbrauen solle wieder gänzlich abgeschafft werden, da Württemberg ein Weinbauland sei, und die Weingärtner ihren, in schlechten Jahrgängen sauren Wein, nicht mehr verkaufen konnten.

Im Jahr 1658 baten 21 Städte und Ämter den Landtag um Erlaubnis, Bier sieden zu dürfen. Die Stadt Münsingen schreibt um jene Zeit: „Die Kranken in Stadt und Amt nehmen je länger, je mehr zu und mit Weinen und Seufzen begehren Sie nur Bier und schreien danach…. Es wäre sonsten das oft begehrte Bierbrauen dem gemeinen armen Mann nützlicher und erträglicher, denn teuren, schlechten, ungesunden und ringen Wein zu trinken …“.  Aber die Abgeordneten des herzoglichen Ausschusses fanden damals, dass das Bierwesen mehr schädlich als nützlich sei. Die Argumente, die dagegen sprachen, waren unter anderem:

„Das Bierbrauen erfordere eine große Menge Früchte, der Fruchtpreis werde dadurch gesteigert und eine Teurung könne leicht eintreten, daß der arme Mann sein Stück Brot nicht mehr erschwingen, viel weniger das teuere Bier bezahlen könne.

Das Bier würde bei den mageren Früchten viel zu teuer, schlechtes Bier aber sei nichts nutz und ein Trunk frischen Wassers dem schaffenden Mann viel gesünder und erquicksamer. Das ungewohnte Biertrinken könne allerhand beschwerliche Krankheiten an den Hals bewirken.

Dieses Trinken mache nur müßige, faule und verdrossene Leute, die halbe und ganze Tage damit verschleudern, die Arbeit versäumen usw.“

Das Bierbrauen und Biertrinken wurde jedoch immer beliebter, sodass man es bald für gut ansah und nicht länger dagegen ankämpfte. Damit die ganze Sache auch eine Ordnung bekam, wurde am 22. August 1675 eine Bierordnung erlassen, die später immer wieder ergänzt und angepasst wurde. Darin heißt es:  

„Ohne Genehmigung darf niemand mehr Bier brauen; neben Hopfen und Wasser darf nichts als Gerste und Weizen zur Mälzung verwendet werden, in Mangel dieser Früchte aber auch Dinkel; das Bier soll nicht zu jung angegriffen, sondern zur Vergärung und Läuterung wenigstens acht Tage liegen gelassen werden; alle dem Menschen schädliche Kräuter dürfen zum Brauen nicht verwendet, wohl aber Wacholderbeer, Kümmel, Salz, jedes ohne Übermaß, gebraucht werden; sobald das Bier in den Keller kommt, auch wenn es für den Hausbrauch ist, soll es dem geschworenen Umgelder angezeigt und das „Halbtalergeld“ von jedem Eimer erlegt werden; dem der das Bier kauft und wieder auszapft, ist zugelassen, auf jede Maß (4 Schoppen) zwenn Pfennig zu schlagen oder sich sonst mit einem billigen Gewinn zu sättigen; der Preis des Biers soll an die Haustür oder auf ein Täfelchen gezeichnet stehen.“

 

Auszug aus der Bierordnung vom 22. Aug. 1675 / Sammlung der württembergischen Regierungsgesetze

 

 

Mit der Braukunst scheint es aber immer noch nicht weit her gewesen zu sein, denn es fehlte die Erfahrung, aber auch die Biertrinker waren in jenen Zeiten in keiner Weise verwöhnt. Das Bier wurde teilweise ausgezapft, bevor es richtig vergoren und gefiltert war, „daß einem, der es nur angesehen, davor geekelt hat“. Trotzdem schien der Bierdurst und der Gewinn aus dem Bierbrauen groß gewesen zu sein, denn an vielen Orten, sowohl in den Städten als auch den Dörfern, wurde plötzlich Bier gebraut. Mit ein Grund lag auch an der starken Nachfrage durch die kaiserliche Armee, die 1675 im Winterquartier in Württemberg lag, und nach Bier verlangte.

 

Im 18. Jhd. hat sich die herzogliche Regierung die starke Nachfrage nach Bier zu Nutze gemacht und in verschiedenen Städten des Landes eigene Brauereien errichtet und die umliegenden Orte an diese Brauereien gebunden und auf diese Weise Biermonopole errichtet. Um diese Monopole aufzuheben, wurden seitens der Untertanen viele Eingaben gemacht, mit der Bitte, eigene Brauereien gründen zu dürfen. Diese wurden jedoch abgelehnt, da man vorerst die Gefahr sah, dass die kleinen Brauereien zu schnell wachsen könnten.

 

Erst im Jahr 1797 trat eine Veränderung in der Biersache ein. Gerade zu jener Zeit kehrte ein junger Bursche von 25 Jahren von der Fremde in seinen Heimatort Ilsfeld zurück. Sein Name war Johann Friedrich Deeg. Sein Großvater, Johann Jakob Deeg, Bürgermeister und sein Vater der Schultheiß Johann Jakob Deeg, waren Küfer von Beruf. Er erlernte das Küfer- und Bierbrauerhandwerk und kam auf seiner Wanderschaft bis nach Hamburg. Als er von seiner Wanderschaft zurückkehrte, wollte er sich in Ilsfeld niederlassen und eine Brauerei gründen. Auf wiederholte Eingaben beim damaligen Herzog Friedrich Eugen wurde seiner Bitte stattgegeben.

 

Der amtlichen Abschrift des herzoglichen Genehmigungsschreibens entnehmen wir:

 

„Friedrich Eugen

 

Auf wiederholtes U. (untertänigstes) Bitten des Kiefers Johann Fridrich Deeg zu Ilsfeld und deinem ad. Supplicas erstattet U. Bericht wollen wir demselben bei neuerlich vorgekommenen Umständen die Errichtung einer Bierbrauerei und den Ausschank und Verkauf des ersiedenden Bieres gegen Bezahlung zwölf Gulden jährlichen Kesselgeldes  und des gewöhnlichen Um- und Halbtalergelds gndst.  gestattet haben, welches du dem U. Supplicanten (Bittenden) zu eröffnen und des weitere zu beobachten hast.

 

Stuttgart, den 6. Juni 1797“

 

Mit Tatkraft und Unternehmergeist ging Johann Friedrich Deeg an sein Unternehmen. Seine Brauerei gründete er in der Großen Hasengasse 13 (das Haus wurde in den 90er Jahren abgerissen, bis dahin gehörte das Haus der Familie Veyhl/Sigloch). Der Standort wurde bewusst ausgesucht, da an dieser Stelle eine Wasserquelle vorhanden war, aus der er das Wasser für seine Brauerei entnehmen konnte. Zugleich richtete er im Haus eine Schankwirtschaft ein. Im Laufe der Jahre errichtete er zudem einen großen Gewölbekeller für die Lagerung und Vorratshaltung.

 

 

Gebäude der ehemaligen Brauerei Deeg

(Später Wohnhaus der Familie Veyhl)

 

Bild entnommen aus Ilsfeld ein Heimatbuch

 

Am 17. Febr. 1798 heiratete er Friederike geb. Conz von Ilsfeld. Dieser viel gereiste und daher erfahrene Mann war von Hause aus wie auch seine Lebensgefährtin vermögend und gebildet. Dazu kamen sein Fleiß, seine Umsichtigkeit und seine Ordnungsliebe. Die Brauerei war in der näheren Umgebung die Einzige. Die hohe Nachfrage aber auch die Qualität des Biers, die von den Älteren sehr gelobt und geschätzt wurde, bescherte der Brauerei Wachstum und den Eheleuten einen gewissen Wohlstand.

Seine Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass er neben Bier auch Wein ausschenken durfte. Neben dem Bierbrauen widmete er sich auch dem Brennen von Branntwein und der Herstellung von Essig.

Einige Notizen aus den Aufzeichnungen seiner Jahresbilanzen aus den Jahren 1843–1847 sind noch bekannt.

1813:   53 Scheffel Malz zu je 8 Gulden; 18 Eimer Wein zu je 55 Gulden; 33 Eimer Essig

(Scheffel war eine Raummaßeinheit, die jedoch regional sehr unterschiedlich definiert wurde. In Württemberg entsprach 1 Scheffel ca. 177 Liter,

die Flüssigkeitsmaßeinheit „Eimer“ wurde auch regional sehr unterschiedlich behandelt, in Württemberg war 1 Eimer ca. 267 Liter) .

1817:   1. Juli; das Biergeschäft war am 1. Juli beendigt, denn „dies war das teure Jahr.“

 

1819:   Das Biergeschäft war groß, am Essig und Branntwein wurde wegen dem immer stärkeren Abschlag der Früchte wenig verdient; welches auch auf den Preis des Bieres wirkte, überhaupt ungünstige Zeiten; an Brennholz vorhanden für 500 fl.;  4 Eimer Branntwein , 1 Eimer Zwetschgenbranntwein,  11 Eimer alten Wein  (70 fl.), 41 Eimer neuen Wein (50 fl.) ,  27 Eimer Essig (8 fl.)

            (fl damalige Währung der Gulden)

1820:   75 Scheffel Malz zu je 6 fl., das Bier ging ordentlich wie auch der Essig, doch wurde nicht allzuviel am Bier verdient, am Branntwein sehr wenig.

1823:   32 Scheffel Gerste (5 fl.), 35 Scheffel Malz, 35 Eimer Wein.

1824:   100 Scheffel Gerste und Malz.

1825:   140 Scheffel Gerste und Malz.

1829:   Einkauf neuer Bierfässer für 300 fl.

So ging es mit der Brauerei stetig aufwärts. Johann Friedrich Deeg betrieb neben der Brauerei auch noch eine Landwirtwirtschaft und hatte zwischen 10-12 Stück Vieh im Stall. Bis zu seinem Tod im Alter von 77 Jahren, am 08. November 1849, hatte er sich unermüdlich seinem Betrieb gewidmet. Seine beiden Söhne waren ebenfalls Bierbrauer, Wilhelm Friedrich in Bönnigheim und Wilhelm Jakob anfänglich in Bietigheim und nach dem Tod des Vaters übernahm er 1850 die Brauerei in Ilsfeld. Mit dem Tod von Wilhelm Jakob Deeg, am 25. Februar 1885 endet das Zeitalter des Bierbrauens in Ilsfeld.

Die älteste Tochter von Wilhelm Jakob Deeg, Marie Luise, heiratete Jakob Christoph Nickel, er war der Hirschwirt und Postverwalter und Kirchenpfleger in Ilsfeld. Ihr Sohn Adolf von Nickel war Regierungsrat in Cannstatt, Stadtdirektor in Stuttgart und zuletzt Regierungspräsident in Reutlingen.

Seit einigen Jahren erinnert der Name einer Straße im Neubaugebiet „Steinhälde“ an ihn.

 

 

Quellen:  Marbacher Zeitung vom 28.07.1933 Artikel von Otto Conrad  „Die Geschichte des Bieres in Württemberg“ und „Die Deeg’sche Brauerei in Ilsfeld von 1797–1885.“

Ilsfeld – Ein Heimatbuch, Herausgeber: Gemeinde Ilsfeld

 

M. Braun / W. Conrad

 


Rückblick – Kinderferienprogramm des Heimatvereins

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 31 vom 04. Aug. 2022

 

Am 28.07.2022 hatte der Heimatverein im Rahmen des Kinderferienprogramms zu einem Ausflug in den Wüstenroter Wald eingeladen. Mit dem Kleinbus der Gemeinde Ilsfeld fuhren 7 Kinder und 2 Begleiter nach Wüstenrot zum Wellingtonien-Parkplatz, an dem uns Sabine Reiss, die Naturparkführerin vom Schwäbisch-Fränkischer Wald, schon erwartete. Zuerst musste der 561 m hohe Raitelberg erklommen werden, wobei die ersten der jungen Bergsteiger bereits nach wenigen Metern Durst und Hunger verspürten. Am Gipfel angelangt, bot sich ein herrlicher Blick auf die Landschaft des Schwäbisch Fränkischen Waldes.

 

Am Raitelberg

 

 

Unser nächstes Ziel war der sogenannte Silberstollen, der leider nicht mehr begehbar ist. Von unsere Naturparkführerin erhielt jeder zur Erinnerung einen kleinen „Scheinsilberklumpen“. Über einen Verbindungsweg ging es weiter zur Himmelsleiter mit ihren 61 Stufen, die hochzusteigen waren. Hier erfuhren wir, dass die Stufen der Himmelsleiter aus dem Baumstamm einer einzigen Douglasie herausgesägt wurden. Unterwegs gab es immer wieder Erläuterungen zu Tannen-, Fichten- und Douglasien-Zapfen. Zudem tauchten am Wegesrand immer wieder Kröten und Käfer auf, für die sich die Kinder begeistern konnten. Ein interessantes Experiment war, den Wald spiegelverkehrt zu sehen. Dazu mussten Paare gebildet werden, jedes Paar erhielt einen Spiegel, den sich einer zwischen Mund und Nase halten musste, um dann seinen Blick auf den Spiegel zu richten. Der Andere hatte die Aufgabe, die Person mit dem Spiegel zu führen. Es bot sich eine interessante Sicht der Bäume und der Landschaft.

 

 

Auf dem Rastplatz

 

Nachdem wir den Rastplatz an den Wellingtonien oder Mammutbäumen erreichten, konnte endlich mal richtig gevespert werden, denn der Hunger war inzwischen groß. Dabei erzählt Frau Reiss die Geschichte, wie die Wellingtonien einst hier zu uns gekommen sind. Die Bäume sind inzwischen um die 128 Jahre alt und etwa bis zu 45 m hoch. Viel Interessantes gab es auch zu den Zapfen der Mammutbäume und ihrer Samen zu berichten.

Eine sogenannte Überraschung gab’s zum Schluss, die inzwischen heiß gelaufenen Füße konnten in einem Kneippbecken gekühlt werden. Und zur großen Überraschung, trotz der Hitze, war das Wasser richtig kalt. Für den Rückweg zum Bus teilte Fr. Reiss noch Postkarten aus, die die Kinder mit den Schätzen des Waldes selbst gestalten konnten.

Ein herzlicher Dank gilt Sabine Reiss, der Naturparkführerin, für die tolle Führung durch den Wüstenroter Wald.

 

M. Braun


Rückblick auf die Führung auf der Baustelle Stuttgart 21

Ilsfelder Nachrichten Ausgabe Nr. 30 vom 28. Juli 2022

 

Claus Gross hatte die Idee eingebracht, seitens des Heimatvereins eine Führung auf der Baustelle Stuttgart 21 zu organisieren. Leider konnten maximal nur 19 Personen daran teilnehmen, dies war die vorgegebene Höchstteilnehmerzahl. Also ging es am Sonntag mit dem Zug von Kirchheim nach Stuttgart. Am Infoturm Stuttgart (ITS), der sich direkt an der Baustelle befindet, wurden wir von Herrn Mutschler begrüßt. Im Treppenhaus des Turms informieren Schautafeln über den geschichtlichen Anfang bis zur aktuellen Entwicklung. Begonnen hatte das Ganze mit ersten Ideen bereits im August 1988 unter Manfred Rommel, dem damaligen Oberbürgermeister.

H. Mutschler erläutert die Strecken-führung

Am Bildschirm wurden der bisherige und der neue Streckenverlauf zwischen Stuttgart und Ulm erläutert und über Zeiteinsparungen und Entlastung der Bahnstrecke durch das Neckartal informiert. Derzeit können pro Stunde ca. 35 Züge im Bahnhof Stuttgart abgefertigt werden, mit dem neuen unteririschen Bahnhof erhöht sich die Zahl auf über 90 Züge pro Stunde. Im neuen Bahnhof wird es zukünftig 8 Bahnsteige geben, Fußgängerbrücken ermöglichen schnelles und komfortables Wechseln der Bahnsteige. Um sich eine Vorstellung über das Innere des neuen Bahnhofs machen zu können, wird man an der Medieninstallation „The Cave“ virtuell durch den neuen Bahnhof und die verschiedenen Ebenen geführt.

 

Die Dachterrasse des Turms ermöglicht einen Blick auf die gesamte Baustelle.

Nach all den vielen Infos im Turm wurden wir mit Schutzhelmen, Sicherheitswesten und Gummistiefeln ausgestattet und dann ging es auf die Baustelle.

zu Beginn der Baustellenführung

Unser Weg führte uns vorbei an einem mobilen Betonwerk, das man für den Bau eingerichtet hat, um Transportweg zu sparen. Über die Laufzeit des Projekts werden zwischen 5.000 und 6.000 Menschen auf der Baustelle arbeiten, berichtete unser Guide. Vor Ort informierte er auch über die Problematik der Sicherstellung des Grundwassers und Mineralwassers, dass es zu keiner Vermischung kommt oder ein Aufbrechen der Lehmschichten verhindert wird. Insgesamt galt es im Raum Stuttgart für Tunnel und Bahnhof ca. 6 Millionen Kubikmeter Aushub zu entsorgen. Dieser musste zuerst auf LKW verladen und zum Nordbahnhof gebracht werden, um von dort mit Güterzügen weitertransportiert zu werden.

Nachdem uns die Sonne auf der Ebene rund um die Baustelle kräftig eingeheizt hatte, stiegen wir anschließend in das kühle Innere des Bahnhofs, auf die Ebene, auf der sich zukünftig die Bahngleise befinden. Hier waren die Markenzeichen, die Kelchstützen, zu bestaunen. Diese bilden eine einzigartige Schalenkonstruktion aus Beton, die in dieser Form bisher noch nicht hergestellt wurde. Am Boden noch schmal, weiten sich die Stützen nach oben auf. Sie formen miteinander verbunden das Dach der Halle. Aufwändig müssen diese Kelchstützen geschalt mit Tonnen von Bewehrungsstahl gesichert und ausbetoniert werden. Auf ihnen sitzen später große Lichtaugen mit einem Durchmesser von bis zu 21 Metern, durch die das Tageslicht auf die Bahnsteige fällt, ein Meisterwerk der Ingenieurkunst.

Die Besuchergruppe

 

Der Zeitplan sieht vor, dass bis Ende 2025 das Projekt Stuttgart 21 beendet ist, darin eingeschlossen ist auch eine Testphase von ca. 1 Jahr.

Nach einer etwa 3-stündigen Führung, die Dank unseres Baustellenführers H. Mutschler, sehr kurzweilig war, hatten wir viele detaillierte Informationen erhalten und hatten viele Eindrücke vom Projekt Stuttgart 21 gewonnen.

Bleibt noch Danke zu sagen an die beiden Organisatoren Katharina Seher und Claus Gross.

 

Manfred Braun


Ausflug am 24. Juli